OWEP Nr. 2/2017: Slowenien

 

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Slowenien, gelegen an der Schnittstelle zwischen Mittel- und Südosteuropa, ist zwar erst seit 1991 ein unabhängiger Staat, kann aber auf eine lange und wechselvolle Entwicklung zurückblicken. Trotz der geringen Landesfläche – sie entspricht ungefähr der der deutschen Bundesländer Hessen oder Sachsen-Anhalt – bietet das Land eine reiche Kultur und viele landschaftliche Schönheiten. Als nordwestliche Teilrepublik Jugoslawiens hob sich Slowenien immer ein wenig vom übrigen Land als wirtschaftlich stärkste Region des Gesamtstaats ab und konnte auch relativ gewaltlos 1991 seine Selbstständigkeit erlangen. Das aktuelle Heft der Zeitschrift OST-WEST. Europäische Perspektiven (OWEP) vermittelt einen Einblick in Geschichte und Gegenwart des kleinen Landes.

Eröffnet wird die Abfolge der Beiträge mit einer historischen Einführung unter dem Titel „Inmitten Europas – Slowenien in Geschichte und Gegenwart“ von Prof. Dr. Joachim Hösler, Professor für Neuere und Osteuropäische Geschichte an der Universität Marburg. Er bietet einen Überblick von der Frühgeschichte über die Niederlassung slawischer Völker im Raum zwischen Alpen, Donau und Adria und die Geschichte der seit dem Spätmittelalter von habsburgischen Fürsten beherrschten Region bis zum bewegten 20. Jahrhundert, das für Slowenien mit dem Jahr 1991 erstmals den Status eines unabhängigen Landes bedeutete. Seit der Unabhängigkeit ließ sich die politische wie wirtschaftliche Entwicklung zunächst als Erfolgsgeschichte beschreiben, da Slowenien schon 2004 Mitglied von Nato und Europäischer Union wurde und seit 2007 der Eurozone angehört. Die globale Finanzkrise traf Slowenien nach 2008 jedoch, wie die Analyse von Prof. Dr. Reinhard Neck, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, zeigt, mit voller Wucht. Inzwischen hat sich die Wirtschaft wieder etwas erholt, auch gehen die Arbeitslosenzahlen zurück; einige grundlegende Probleme sind aber bis heute nicht gelöst.

In religiöser bzw. konfessioneller Hinsicht bietet das kleine Land Slowenien mit knapp zwei Millionen Einwohnern ein überraschend buntes Bild. Historisch gesehen hat die katholische Kirche, wie Prof. Dr. Ivan Janez Štuhec, Professor für Sozialethik an der Theologischen Fakultät der Universität Ljubljana in seinem Essay ausführt, die Slowenen, ihre Religiosität und Kultur wesentlich geprägt; jedoch haben die politischen und gesellschaftlichen Brüche des 20. Jahrhunderts zu Verwerfungen geführt, die die beherrschende Rolle der katholischen Kirche infrage gestellt haben. Sie muss daher, auch wenn sich immer noch weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung zu ihr bekennt, um ihren Platz in einer immer säkularer werdenden Gesellschaft kämpfen. Weit in die Geschichte zurück führt ein zweiter Beitrag zum Thema „Kirche“, den der Historiker und evangelische Theologe Dr. Luka Ilić, Pfarrer in Ravensburg, gemeinsam mit seiner Frau Dr. Angela Ilić, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas der Ludwig-Maximilians-Universität München, verfasst hat. Beide zeichnen Leben und Wirken des slowenischen Reformators Primus Truber (Primož Trubar, 1508-1586) nach, der nicht nur einen Großteil seines Lebens in Deutschland verbrachte und nach kurzem Aufenthalt in der Heimat ganz in Deutschland blieb, sondern auch als Autor von Schriften zur Kirchenreform hervortrat und hohes Ansehen im heutigen Slowenien genießt. Die Ausstrahlung der Reformation auf die Region blieb freilich eine kurze Episode; im heutigen Slowenien bekennen sich nur 0,8 Prozent der Bevölkerung (ca. 15.000 Menschen) zur evangelisch-lutherischen Kirche. Mehr als dreimal so hoch, nämlich ca. 2,4 Prozent der Bevölkerung (ca. 47.000 Menschen), ist der Anteil der Muslime an der Einwohnerschaft Sloweniens. Der größte Teil von ihnen ist erst im 20. Jahrhundert zugewandert; ihre Geschichte und Organisation, aber auch die Probleme im Alltag schildert der Text von Prof. Dr. Nedžad Grabus, Großmufti (Leiter) der muslimischen Gemeinschaft in Europa.

Die Geschichte der Slowenen ist aufs Engste verknüpft mit der ihrer unmittelbaren Nachbarn, da in allen Staaten, an die die heutige Republik Slowenien grenzt, slowenische Minderheiten leben. Am bedeutendsten ist ihr Anteil in Österreich, besonders im Bundesland Kärnten, dessen slawische Bevölkerung im 19. Jahrhundert eine große Rolle bei der Entwicklung der nationalen Identität der Slowenen spielte. Dr. Danijel Grafenauer, Mitarbeiter des Instituts für Ethnische Studien in Ljubljana, zeichnet die wechselvolle Geschichte der Kärntner Slowenen seit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Volksabstimmung von 1920 in Österreich nach. Trotz vielfältiger Kontakte und zwischenstaatlicher Abkommen gab und gibt es immer noch Reibungen und offene Fragen.

Auch im letzten Hauptartikel des Heftes, den der an der Universität Wien lehrende Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Peter Scherber verfasst hat, spielt das Verhältnis der Slowenen zu ihren Nachbarn eine Rolle. Sein Beitrag widmet sich der Literaturszene in Slowenien, das sich durchaus als Land mit der „dichtesten Dichtung pro m2“ bezeichnen lässt. Alle Literaturgattungen sind breit vertreten, Theaterproduktionen werden auch international wahrgenommen, und nicht zuletzt die Literatur von Auslandsslowenen aus Österreich oder Italien wird dank einer hohen Übersetzungskultur in ganz Europa beachtet.

Abgeschlossen wird das Heft mit einer Länderinformation über Slowenien aus der Feder von Christiana Hägele, Projektreferentin bei Renovabis, die die wichtigsten Eckdaten zu Geschichte, Wirtschaft, Kirche und Projektförderung seitens Renovabis enthält. Aus aktuellem Anlass folgt ein Bericht von Danilo Jesenik Jelenc, Mitarbeiter der Caritas Slowenien, über den Einsatz der Caritas für Migranten in den Jahren 2015 und 2016, als während der großen Flüchtlingskrise mehrere hunderttausend Menschen das Land passierten. Einige Literaturhinweise runden das Heft ab. Über das Heft verteilt bieten fünf Textkästen Kurzinformationen zu folgenden Stichworten: „Freisinger Denkmäler“, „Gottschee“, „Gorenje“, „Die slowenische Sprache“ und „Lipica und die Lipizzaner“.

Das ausführliche Inhaltsverzeichnis und ein Beitrag im Volltext finden sich unter www.owep.de. Das Heft kann für € 6,50 (zzgl. Versandkosten) unter www.owep.de bestellt werden.

 

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