Bulgarien: Digitalisierung der Manuskripte des Klosters Zograph

Die Universität Sofia und das traditionell von bulgarischen Mönchen bewohnte Kloster Zograph auf dem Athos haben Ende Oktober 2017 eine 10-jährige Kooperationsvereinbarung unterschrieben. Ihr Ziel ist die weitere Entwicklung des Projekts „Digitales Archiv von Zograph“. Erste Schritte erfolgten schon 2010, doch damals waren die Mönche wegen  vergangener Ereignisse äußerst misstrauisch. Besonders gravierend hatte sich die Entwendung eines der wichtigsten Klostermanuskripte ausgewirkt: Agenten der kommunistischen Geheimdienste hatten 1985 das damals als ältestes bekanntes Geschichtswerk über die Bulgaren betrachtete Werk des Mönches Paisij aus dem 18. Jahrhundert gestohlen. Erst 1997 wurde es dem Kloster zurückgegeben.

Wichtige Handschriften waren dem Kloster jedoch schon in vorigen Jahrhunderten abhandengekommen: Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern kauften sie für wenig Geld, ohne die Mönche über den wahren Wert aufzuklären, oder sie liehen die Dokumente zu Forschungszwecken aus und gaben sie nicht mehr zurück. Deswegen ließen die Mönche anfangs nur einzelne vertrauenswürdige Forscher zu, die 2014 schließlich anhand der digitalisierten Kopien die virtuelle Bibliothek von Zograph ins Leben rufen konnten. In den folgenden Jahren wurden hunderte alte Manuskripte auch von anderen Institutionen hinzugefügt, von denen viele der Forschung bis dahin unbekannt waren. Gleichzeitig unternahm das Kloster eine gründliche Reorganisierung und Ausrüstung seines Archivs mit modernsten Mitteln.

Die Einzigartigkeit des Archivs besteht in der kontinuierlichen Sammlung von Handschriften seit dem 10. Jahrhundert Es enthält aufschlussreiche Dokumente aus der osmanischen Zeit über das Verhältnis zwischen islamischen Herrschern und orthodoxen Klöstern. Neben Kirchenbüchern und Urkunden umfasst es auch Koch- und Heilrezepte bis hin zu japanischen Handschriften. Die populärste Handschrift bleibt das oben erwähnte Geschichtswerk über die Bulgaren aus dem 18. Jahrhundert, das lange Zeit als ältestes Werk dieser Art und als Initialzündung für die nationale Erweckung galt.

Doch Ende November verkündete Prof. Lilia Ilieva von der South-West University „Neofit Rilski“ in Blagoevgrad die Entdeckung des Originalmanuskripts einer um 100 Jahre älteren Geschichte Bulgariens, geschrieben vom katholischen Erzbischof Petar Bogdan Bakschev (1601–1674). Zwar gab es Hinweise, dass ein solches Werk existiert, doch bis dato wurde kein Buchexemplar gefunden. Die einzigen Zeugnisse waren fragmentarische Abschriften aus dem Vatikanarchiv.

Laut Ilieva offenbart die Originalhandschrift aus dem Jahr 1667 die Belesenheit und die patriotischen Gefühle seines Autors. Der Franziskaner Bakschev, der in Rom ausgebildet worden war, wandte sich primär an die europäischen Leser, während der Mönch Paisij 100 Jahre später sein Werk an die einfachen Bulgaren richtete. Das in Modena entdeckte Werk von Petar Bakschev rückt die Verdienste katholischer Geistlicher für die Geschichte Bulgariens mehr ins Bewusstsein der bulgarischen Öffentlichkeit.

Vladislav Atanassov, Studium der Theologie in Sofia und Heidelberg, wohnt in Nürtingen, Deutschland. Zurzeit arbeitet er an der Herausgabe eines Buches über die Geschichte der Bulgarischen Orthodoxen Kirche.

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