Bulgarien: Kirchen lehnen Istanbuler Konvention ab

Selten hat so viel Einigkeit unter den Vertretern der orthodoxen, katholischen und evangelischen Kirchen in Bulgarien geherrscht. Gemeinsam positionieren sie gegen die „Istanbuler Konvention“ des Europarats gegen häusliche Gewalt. Stein des Anstoßes ist nicht die Ablehnung der Gewalt gegen Frauen, sondern der Begriff „Gender“, die Einführung eines dritten Geschlechts sowie eine befürchtete Frühsexualisierung von Kindern.

Ihre Stellungnahmen verkündeten die Kirchen während einer öffentlichen Diskussion, die die Parlamentsvorsitzende in der Universität Sofia organisiert hatte. Nachdem sich in der Öffentlichkeit großer Widerstand gegen die Ratifizierung der Konvention formiert hatte, wollte man den Inhalt des Abkommens in einer gesellschaftlichen Debatte erörtern, Missverständnisse und Befürchtungen beseitigen und das von 45 Ländern ratifizierte Dokument auch für die Bulgaren akzeptabel machen.

Doch dieses Vorhaben scheiterte klar. Unter tosendem Applaus verkündete Bischof Kiprian (Dobrinov) die ablehnende Position der Bulgarischen Orthodoxen Kirche (BOK). Auch die katholische Kirche in Bulgarien sprach sich für eine kritische Neubewertung der Konvention aus. Der Vertreter der Vereinigten evangelischen Kirchen in Bulgarien (NAME) verglich die Konvention mit einem schönen Geschenk, in dem Schlangeneier eingepackt sind. Dennoch appellierte er für eine neue und bessere Übersetzung des Begriffs „Gender“ und eine anschließende Debatte darüber. Die BOK schloss eine erneute Diskussion selbst im Fall einer neuen Übersetzung aus. Am Tag danach ordnete der Hl. Synod an, dass in allen Kirchen jeden Tag das Gebet der Mutter Gottes als Zeichen gegen die Konvention gelesen werden solle. Auch die Vertreter der muslimischen Glaubensgemeinschaft sprachen sich gegen die Istanbuler Konvention aus. Lediglich der Zentralrat der Juden rief zur Ratifizierung auf.

Nicht zum ersten Mal nimmt die BOK Stellung gegen die Politik der Regierung: So ermahnte die BOK am 25. September 2015 die Regierenden, Vorsicht bei der Aufnahme von Flüchtlingen zu zeigen und vorwiegend verfolgte Christen zu akzeptieren. Doch nun ist die Sprache deutlich schärfer, man spricht von moralischem Zerfall, vom Versuch, eine Gesellschaft ohne Gott aufzubauen. Zwar sprechen sich auch die sozialistische Partei und andere kleinere Parteien sowie viele Juristen und Wissenschaftler gegen die Konvention aus, doch erst der Eingriff der Kirchen ließ die Stimmung endgültig kippen und zwang die Regierung letztendlich, die vorgesehene Ratifizierung zu verschieben.

Doch nicht alle Gläubigen sind gegen die Konvention. Zwar missbilligten die meisten Theologen sie, doch es gibt auch diejenigen, die darauf hinweisen, dass der Begriff „Gender“ nicht mit „Genderideologie“ gleichzusetzen sei. So entstanden im öffentlichen Raum vertiefte theologische Diskussionen, was in Bulgarien fast nie vorkommt.

Vladislav Atanassov, Studium der Theologie in Sofia und Heidelberg, wohnt in Nürtingen, Deutschland. Zurzeit arbeitet er an der Herausgabe eines Buches über die Geschichte der Bulgarischen Orthodoxen Kirche.

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