Tornike Metreveli zu Wahlen und Religion in der Ukraine

interview metreveli ukraine wahlen religionIn seiner Wahlkampagne zu den ukrainischen Präsidentschaftswahlen hat der derzeitige Präsident Petro Poroschenko immer wieder auf seinen Einsatz für die Autokephalie der ukrainischen Orthodoxie hingewiesen. Welche Rolle spielte das Thema Religion im Wahlkampf?
Wie wichtig Religion im Wahlkampf wirklich war, lässt sich noch nicht genau abschätzen, da ja erst in drei Tagen die Stichwahl stattfindet. Aus heutiger Sicht scheint Poroschenko eher eine geringe Chance auf einen Wahlsieg gegenüber dem Satiriker Volodymyr Selenskyj zu haben. Das religiöse Element seiner Kampagne hat also nicht das geliefert, was seine Berater vielleicht idealerweise bezweckt hatten. Zu diesem Zeitpunkt können wir nur spekulieren, ob und bis zu welchem Grad der religiöse Aspekt seines Wahlkampfs mit einer möglichen Zunahme des öffentlichen Vertrauens in Präsident Poroschenko zusammenhängt. Sicher lässt sich jedoch sagen, dass sein Engagement für die Religion die Sichtbarkeit der orthodoxen Kirchen in der politischen Debatte steigerte oder sogar die sowieso schon eher gespannten interkonfessionellen Beziehungen zwischen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK), die dem Moskauer Patriarchat untersteht, und dem Kiewer Patriarchat politisierte. Poroschenko zeigte sich beispielsweise an religiösen Versammlungen, traf sich mit dem Ökumenischen Patriarchen und marschierte zusammen mit seiner Frau und Patriarch Filaret (Denisenko) bei der religiösen Prozession anlässlich des 1030. Jahrestags der Taufe der Kiewer Rus' Ende Juli 2018 mit. Poroschenko hat das religiöse Element seiner Kampagne vor dem Hintergrund des nationalen Sicherheitsdiskurses entwickelt: eine vereinte orthodoxe Kirche wurde zu einem Schlüsselelement der ukrainischen Unabhängigkeit. Auf der anderen Seite agitierte die UOK gegen die ukrainische Autokephalie. Priester der UOK gedachten nicht der Opfer des Euromajdan oder verweigerten seelsorgliche Begleitung, wenn sie herausfanden, dass eine Person vom Kiewer Patriarchat kam. All dies geschah auch schon zuvor, aber die Politik hat der Religion im Identitätsdiskurs größere Sichtbarkeit verliehen. Zugegebenermaßen hat die neu gegründete Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) in ihrer bisherigen kurzen Existenz kein signifikantes Engagement in der Tagespolitik gezeigt. Es mag trivial klingen, aber ich sehe keinen besseren Überprüfungsmechanismus für ihre mögliche Politisierung als Zeit. Mit anderen Worten: Die Zeit wird zeigen, wie die neue Kirche auf ihre Rolle in der Gesellschaft reagiert.

Welche Auswirkungen hat die Gründung der Orthodoxen Kirche der Ukraine auf die Kirchgänger und Priester?
Auf der Ebene der Gläubigen und Priester spiegeln sich die Auswirkungen vor allem in Jurisdiktionswechseln von der UOK zur OKU wider. Das MAPA-Forschungsprojekt des Ukrainian Research Institute der Harvard-Universität, das eine Zusammenarbeit zwischen den Universitäten in Lviv, St. Gallen und Harvard darstellt, verzeichnet insgesamt 502 Gemeinden der UOK, die bis zum 17. März zur neuen Kirche übergetreten sind. Dabei stellt sich natürlich die Frage, wie groß der Anteil der 502 Gemeinden an der Gesamtzahl aller Gemeinden der UOK ist. Gemäß den Daten des Departements für religiöse Angelegenheiten von Januar 2018 hatte die UOK 12348 Gemeinden, das Kiewer Patriarchat 5167 Gemeinden und die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche 1167 Gemeinden. Aus den beiden zuletzt genannten Kirchen ist die neue Kirche entstanden. Insgesamt verfügt diese also nicht über mehr als 6500 Gemeinden.

Es gibt viele widersprüchliche Berichte zu den Jurisdiktionswechseln und gewaltsamen Übernahmen von Kirchen. Lässt sich die Anzahl der Gemeinden, die die Jurisdiktion gewechselt haben, überhaupt bestimmen?
Ich weiß nicht genau, auf welche Berichte Sie sich beziehen, aber die bloße Tatsache, dass Sie sie als „widersprüchliche Berichte“ bezeichnen, zeigt die Natur des Problems. Mit anderen Worten, die Überprüfung der Daten von diesen Berichten ist eine abschreckende Aufgabe, da die Fragen wirklich politisiert sind. Auf beiden Seiten gab es Fälle gewaltsamer Übernahmen oder gewaltsame Nichtzulassungen einer Übernahme. 502 Gemeinden haben die Jurisdiktion gewechselt. Ich verfolge diese Entwicklung genau, so dass ich den Leserinnen und Lesern als unverstellte Eigenwerbung nur den Rat geben kann, meiner zukünftigen Arbeit zu folgen.

Tornike Metreveli, PhD, Soziologe und Postdoc an der Universität St. Gallen.

Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Kube.

Bild: Anna Tsurtsumia.

Drucken