Initiative will Reformen und innerkirchlichen Dialog in der polnischen Kirche fördern

. : Hintergrund

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Der „Kongress der Katholikinnen und Katholiken“, eine Initiative polnischer Gläubiger, macht in Polen seit einigen Wochen Schlagzeilen. Er wurde Ende 2020 gegründet und will den Austausch von Geistlichen und Laien der Polnischen Kirche fördern und kirchliche Reformen anstoßen. Fryderyk Zoll, ein Mitglied des Kongresses, gibt Auskunft über die Beweggründe und Arbeitsweise des neuen Kongresses.

Wie kam es zu dieser Initiative und wer steht dahinter?
„Wer steht dahinter?“ ist eine Frage, die uns stets begleitet. Auf unserer Webseite habe ich meinen ersten Beitrag unter genau diesem Titel veröffentlicht. In Polen kommt in dieser Frage nämlich ein allesumfassendes Misstrauen zum Ausdruck, das die polnische Gesellschaft quält. Eine von unten ausgehende Initiative von Bürgern und Bürgerinnen, die sich zusammengetan haben, um über den Zustand der Kirche zu diskutieren und Verbesserungsvorschläge zu machen, wirkt überraschend. In den sozialen Medien, vor allem in rechten Kreisen, kursieren verschiedene Gerüchte, die unbekannte und mächtige Kräfte hinter dem Kongress stehen sehen.

Auf dem katholisch konservativen Portal „Polonia Christiana“ wurde der Kongress beispielsweise als eine „deutsche Option“ bezeichnet. In dieser Bezeichnung steht ein Körnchen Wahrheit. In der letzten Septemberwoche besuchte ich den Gottesdienst im Osnabrücker Dom. Es war ein Sonntag, an dem in 140 Pfarreien des Bistums Osnabrück Frauen, Theologinnen, die Predigt hielten.  Der anwesende Bischof von Osnabrück sagte, das kanonische Recht müsse neu interpretiert werden. Ich saß da, eine Person, die aus einer konservativen Kirche in Polen kommt, und fragte mich, warum wir die Ungleichbehandlung der Frauen in der Kirche ohne Widerspruch hinnehmen? Die Kluft zwischen dem freundlichen Dom in Osnabrück und der meinem Herzen so nahen, aber fremd gewordenen Krakauer Kathedrale klaffte weit offen vor meinem inneren Auge. Daraufhin habe ich einen kleinen Essay veröffentlicht: „Der Dom in Osnabrück“. Am Ende dieses Beitrags stand ein Aufruf zum Handeln. Etwas unerwartet habe ich viele Emails erhalten, die signalisierten, sich in einer Diskussion oder in einen Prozess der Erneuerung der Kirche zu engagieren. Da heute so viele Möglichkeiten bestehen, sich über moderne Kommunikationsmittel zu vernetzen, hat sich sehr schnell eine Gruppe gebildet, die über mögliche Handlungsspielräume nachdachte. Über die Idee, einen Kongress der Katholikinnen und Katholiken zu gründen, diskutierten wir in den Foren der Klubs der offenen katholischen Zeitschrift Tygodnik Powszechny. Dazu kamen Katholikinnen aus der feministisch-katholischen Frauenbewegung Tekla, aus der katholischen Reformbewegung Wiara i Spoleczenstwo (Glaube und Gesellschaft) sowie Priester und Nonnen aus der Bewegung von sog. „Einfachen-Priestern-und-Schwestern“ (Zwykli księża/zwykłe siostry), einer Gruppierung von Geistlichen, die zur dringenden Reformen der polnischen Kirche aufgerufen haben. So bildeten sich ein Organisationskomitee und Arbeitsgruppen zu diversen Themen. Jede und jeder kann sich hier melden.

Welche Ziele und Projekte verfolgt der Kongress und auf welche Weise?
Der Zweck des Kongresses ist die Erarbeitung sachlicher Vorschläge für ein kirchliches Reformprogramm. Noch wichtiger ist jedoch derzeit, Raum für einen Dialog zu schaffen, der die Logik der polnischen überklerikalen Kirche verändern kann. Heute sind ca. 350 Mitglieder eingeloggt, die in verschiedenen Arbeitsgruppen zu wichtigen kirchlichen Themen arbeiten: Macht in der Kirche, Geistliche und das Volk, Frauen in der Kirche, Kirche und Staat, integrale Ökologie, Soziallehre, Ökumene, Ausbildung, Jugend, Transparenz, Ehe und sonstige Partnerschaften. In regelmäßigen Zeitabständen trifft sich auch die Generalversammlung.

Wesentlich ist, dass im Rahmen des Kongresses ein Dialog zwischen Geistlichen und Laien in einer strukturierten, aber gleichberechtigten Form stattfinden kann. Dieser Dialog verändert die Perspektive. Alle sind eingeladen, auch die Vertreter anderen Konfessionen. In der Organisationsgruppe gibt es auch einen methodistischen Pastor. Wir versuchen alle einzubeziehen, die zu einem derartigen Dialog bereit sind und sich gewillt zeigen, alle Teilnehmenden zu respektieren. Auch die Konservativen sind eingeladen. Wir versuchen die Logik der tiefen Spaltung in der polnischen Gesellschaft zu überwinden.

In Zukunft könnte sich aus dem Kongress vielleicht ein Pendant zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken entwickeln. Momentan sind die Voraussetzungen dafür aber noch nicht gegeben – die Bewegung ist zu neu.

Gibt es bereits Reaktionen aus der „offiziellen“ katholischen Kirche auf die Initiative, und wie wird sich Ihrer Ansicht nach die künftige Zusammenarbeit gestalten?
Wir haben an alle amtierenden polnischen Bischöfe und an den Nuntius einen Brief mit der Gründungserklärung geschickt. Von einigen Bischöfen haben wir bereits Antworten bekommen. Bischoff Adrian Galbas, der für den Dialog mit den Laien zuständig ist, hat öffentlich seine Bereitschaft zum Dialog mit dem Kongress erklärt. Es gab Gespräche mit Kardinal Kazimierz Nycz, dem Erzbischof von Warschau, Erzbischof Ryś von Łódź und Bischof Piotr Libera von Płock, die ihre Offenheit bekundet haben. Beim kommenden Treffen der Polnischen Bischofkonferenz soll das Thema „Kongress“ besprochen werden. Der Kongress besteht erst zwei Monate. Es gibt natürlich auch Kritik von konservativen Medien (z.B. in Nasz Dziennik, der Tageszeitung von Vater Tadeusz Rydzyk, dem Gründer des nationalkonservativen Radiosenders Radio Mariyja), die aber wenig sachliche Argumente bringt, die einen Bezug zur Wirklichkeit des Kongresses hätten.

Wie die Zukunft sich gestaltet, hängt von vielen Faktoren ab. Wir hoffen, dass die Bischöfe in der entstehenden Bewegung eine Chance und keine Bedrohung sehen werden. Die ersten Signale sind positiv, aber man muss natürlich den extremen Konservatismus der polnischen, katholischen Volkskirche vor Augen haben, der für einen Dialog und eine vertiefte Debatte über die Kirche ein Hindernis darstellt. Es kommen aber jeden Tag neue Mitglieder dazu, darunter auch Priester und Nonnen. Ich hoffe, dass sich daraus eine qualitative Veränderung in der polnischen Kirche entwickeln kann, die sich in einer tiefen Krise befindet. Der bevorstehende Pfad ist allerdings sehr steinig und eng.         

Prof. Dr. hab. Dr. h.c. (Ternopil) Fryderyk Zoll, Jagiellonen-Universität in Krakau, Lehrstuhl für Europäisches und Polnisches Privatrecht sowie Rechtsvergleichung an der Universität in Osnabrück.

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