Eine traumatisierte Gesellschaft: Armenien ein Jahr nach dem Karabach-Krieg

. : Hintergrund

Yerevan, Armenia - 22 Novermber 2020: The war in Artsakh (Nagorno Karabakh) is over. the burials of the fallen soldiers in Yerablur Military Memorial Cemetery in Yerevan Armenia.

Etwas mehr als ein Jahr ist seit dem Krieg um Berg-Karabach zwischen Armenien und Aserbaidschan vergangen. Dessen Wunden und die humanitären Folgen sind jedoch weiterhin allgegenwärtig. Neben wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten gibt es eine Vielzahl sozialer Probleme, die – verstärkt durch die alten kollektiven Traumata vom Genozid im Osmanischen Reich – eine große Belastung darstellen.

Gemäß den letzten offiziellen Angaben wurden bei den Kämpfen zwischen dem 27. September und 9. November 2020 insgesamt 3809 Militärpersonen und Zivilisten auf armenischer Seite getötet. Über 10‘000 Personen wurden im Krieg verletzt. Auf internationale Vermittlung konnten im Laufe des Jahres 141 Kriegsgefangene und zivile Geiseln aus Aserbaidschan nach Armenien zurückkehren. 199 Militärpersonen und 21 Zivilisten gelten immer noch als spurlos vermisst.[1] Das Schicksal von weiteren 80 Gefangenen, die sich in Baku befinden, ist ebenfalls ungewiss.[2] Die aserbaidschanische Regierung selbst spricht allerdings nicht mehr von Kriegsgefangenen, sondern von „Terroristen“ und veröffentlicht keine Daten zu ihren genauen Zahlen.[3]

Mitarbeiter:innen des Roten Kreuzes bezeugen, dass es sehr schwierig ist, überhaupt einen Kontakt zu diesen Gefangenen vor Ort gemäß der Genfer Konvention festzustellen, geschweige denn reale Informationen über ihren aktuellen Zustand zu erhalten. Zurückgekehrte berichten von täglichen Folterungen in den Gefängnissen.[4] In Baku finden zudem Schauprozesse gegen armenische Soldaten statt. Ein Diasporaarmenier mit libanesischer Staatsangehörigkeit wurde als „internationaler Terrorist“ zu 20 Jahren Haft aufgrund seiner Teilnahme als Freiwilliger im Krieg verurteilt.[5]

Ein weiteres Konfliktfeld ist der umstrittene Grenzverlauf zwischen Armenien und Aserbaidschan, da dieser zu Sowjetzeiten nie genau definiert wurde. Gemäß dem von Russland vermittelten Waffenstillstandsabkommen vom 9. November 2020 wurden die armenischen Truppen aus Berg-Karabach und den seit dem ersten Karabach-Krieg von 1992–1994 kontrollierten umliegenden Gebiete zurückgezogen. Dies hat die aserbaidschanische Seite zu Provokationen ermutigt: Mehrmals drangen aserbaidschanische Sicherheitskräfte in den Provinzen Gegharqunik, Vayots Dzor und Syunik auf armenisches Gebiet ein, besetzten zivile Objekte, blockierten wichtige Verkehrsstraßen und klauten Vieh. Willkürliche Schießereien, Geiselnahmen und gar Tötung von Grenzsoldaten gehören dabei zum traurigen Tagesgeschäft.[6] Seit Mai 2021 steigt so die Zahl der Eskalationen mit bewaffneten Auseinandersetzungen fast an der gesamten Grenzlinie.

Die Gesellschaft leidet unter dem Druck und der Ungewissheit. Viele erinnern sich dabei an die grausame Deportation und Ermordung ihrer Vorfahren während des Ersten Weltkrieges. So werden Aserbaidschan und die Türkei, seine größte Unterstützerin, als direkte Nachfolger der damaligen Henker dargestellt und in ihrer Rolle als Erzfeinde bestätigt. Andere schweigen dagegen über ihre psychischen Probleme und versuchen, ihr Leid und ihre Hoffnungslosigkeit zu verstecken. Deshalb sind sowohl die Geistlichen der Armenischen Apostolischen Kirche als auch Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen und Mitarbeiter:innen von NGOs von Einzel- und Gruppenbetreuungen überlastet. Diese Fachleute sind tagtäglich mit schwierigen Therapiefällen und Seelsorge beschäftigt. Viele von ihnen kommen an ihre Grenzen und leiden unter Erschöpfung. Sie erzählen von wiederkehrenden Aggressionen, häuslicher Gewalt und Selbstverletzung bei ihren Gemeindemitgliedern und ihren Versuchen, das zu verhindern. Alkohol-, Drogen und Spielsucht nehmen unter jungen Menschen ebenfalls zu und bereitet den Expert:innen zusätzlich Sorgen.

Den Sieg der Armenier im ersten Karabachkrieg 1992–1994 hatte die Kirchenführung als Segnung Gottes bezeichnet. Die Euphorie hielt aber nicht lange an. Pfarrer Grigor Markosyan, der seit 1990 im Kampfgebiet diente und der erste Militärseelsorger in der Armee von Berg-Karabach war, sprach 20 Jahre später in einem Interview nüchtern über den Schmerz über die Verluste: „Erst nach dem Krieg beginnst du einen Menschen zu schätzen, weil du dann weißt, was ein Mensch und das Leben wirklich ist.“ Zudem sagte er: „Manchmal denke ich, dass wir als Volk zusammen hinknien müssen, um das Christentum nochmals zu akzeptieren und geistig wieder aufzuwachen“.[7] Seine Worte erscheinen angesichts des großen Leids wegen der aktuellen Niederlage als prophetische Mahnung. Außerdem zeigen sich bei den ehemaligen Soldaten Symptome von posttraumatischen Belastungsstörungen, die man als Karabach-Syndrom bezeichnen könnte.

Angesichts dieser Situation tun Kirchengemeinden und NGOs alles ihnen Mögliche, um den traumatisierten Ex-Soldaten und zivilen Betroffenen zu helfen. Sie unterstützen auch die zahlreichen Familienangehörigen von getöteten, gefangenen oder vermissten Militärpersonen. Der hohe Bedarf an psychologischer und geistlicher Unterstützung übersteigt jedoch die Kapazitäten der Fachkräfte bei weitem. Ohne die Hilfe von Partnerorganisationen aus dem Ausland und der Diaspora wäre diese Arbeit für die lokalen Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen und Seelsorger kaum zu bewältigen. Viel Unterstützung leisten auch weiterhin Hilfswerke von Schwesterkirchen. So unterstützten beispielsweise das katholische Hilfswerk Renovabis sowie die evangelische Diakonie aus Deutschland verschiedene soziale Projekte im Land. Dank dieser Hilfe wurden zuerst Geflüchtete aus Berg-Karabach in Jugendherbergen untergebracht. Anschließend wurden langfristige Erziehungs- und Betreuungsangebote sowohl für Kinder als auch Erwachsene in Berg-Karabach und in den Grenzgebieten Armeniens gestartet. Ohne diese Unterstützung von außen wären das menschliche Leid und die Hoffnungslosigkeit noch viel größer.

Besonders wichtig war die Weiterbildung „Traumatherapie durch Mediation in Konflikt- und Postkonfliktregionen“, die online und vor Ort durchgeführt wurde, und von Caritas-Armenia und European Ways e.V. aus Deutschland mitgestaltet und vom deutschen Auswärtigen Amt finanziert wurde. Dabei wurden mehrere lokale Fachkräfte aus Armenien und Berg-Karabach zwischen Dezember 2021 und Januar 2022 von internationalen Expert:innen ausgebildet und betreut. Unter anderem wurden Mechanismen entwickelt, um einerseits sich selbst vor einem Burnout zu schützen, und um andererseits weiterhin den vielen Betroffenen strukturiert helfen zu können. Die Rolle des kollektiven Traumas von 1915, das über Generationen weitergegeben wurde, sowie die letzte Niederlage in Berg-Karabach wurden ebenfalls thematisiert. Die empfindlichen Reaktionen der lokalen Fachkräfte in diesem Aufarbeitungsprozess zeigen exemplarisch, wie schwierig die Themen Genozid und verlorener Krieg für die armenische Gesellschaft sind.

Trotz der weiterhin angespannten Lage im Konfliktgebiet geben die internationalen und interkonfessionellen Begegnungen vielen Armeniern Hoffnung. Obwohl sie weit weg von Europa leben, fühlen sie sich kulturell und religiös als Teil Europas und nicht Asiens. Seit seiner Unabhängigkeit versucht das kleine Land, sich möglichst stark an die westliche Welt anzunähern, ihr altes Kulturerbe vor einer befürchteten pantürkischen Expansion zu schützen sowie fleißig und kreativ zu sein, um die nächste Generation in Frieden erziehen zu können.

Im Mai 2018 machte Armenien mit einer friedlichen Revolution einen weiteren Schritt, um sich von den alten, moskautreuen und korrupten Eliten zu befreien. Dieser Regierungswechsel wurde in Europa sehr begrüßt. Aktuell zeigt sich jedoch, dass das öl- und erdgasreiche Aserbaidschan, dessen autoritäre Führung Menschenrechte systematisch missachtet, ungestraft mit einem neuen Krieg und Verbrechen gegen das Völkerrecht davonkommt. Dies führt zu neuen Enttäuschungen, Polarisierungen und auch Radikalisierungen im Südkaukasus. Die Forderungen nach Gerechtigkeit seitens der Schwesterkirchen und vor allem der internationalen Öffentlichkeit bleiben daher neben den genannten sozialen Projekten weiterhin das dringlichste Anliegen der Armenier. Vor allem diejenigen Familien, die auf ihre gefangenen Söhne, Brüder und Väter warten, brauchen diesen solidarischen Beistand.

Harutyun G. Harutyunyan, Dr. theol., Projektleiter in der Diözese der Armenischen Apostolischen Kirche in Vayots Dzor und Dozent für Religionswissenschaft an der Amerikanischen Universität von Armenien.

Bild: Viele Armenier haben im jüngsten Karabach-Krieg Angehörige verloren. (© Gevorg Ghazaryan/Shutterstock.com)

[1] https://www.investigative.am/en/news/view/gerevarvac-zincarayox-veraberyal.html (19.1.2022).

[2] https://www.azatutyun.am/a/31551071.html (08.11.2021).

[3] https://ombuds.am/images/files/8f33e8ccaac978faac7f4cf10442f835.pdf (09.2021)

[4] Ashkhen Arakelyanm, Sadistic Pleasures – Silent Crimes of Azerbaijan, Yerevan 2021.

[5] https://armenpress.am/eng/news/1055287/ (14.06.2021).

[6] https://ombuds.am/images/files/26a9d7838a4f87fc198e65daadbc4ef1.pdf (11.2021).

[7] https://hetq.am/hy/article/56363 (2014).

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