Die Autokephaliefrage der Ukrainischen Orthodoxen Kirche: Plädoyer für einen sozialethischen Ansatz

. : Hintergrund

kommentar sozialethik in ukraine frageCezar Marksteiner-Ungureanu

Ein orthodoxer Theologe hat einmal gemeint, dass man die ganze Macht des Hl. Geistes mobilisieren müsse, damit zwei Orthodoxe friedlich und konfliktlos zusammenarbeiten könnten. Diese Aussage erscheint heutzutage gültiger denn je. Dass am 15. Oktober das Moskauer Patriarchat die eucharistische Gemeinschaft mit dem Patriarchat von Konstantinopel aufgehoben hat, ist nicht zuletzt auf einen Mangel an Dialog bzw. Konsens hinsichtlich der Frage nach der Autokephalie der Orthodoxen Kirche in der Ukraine zurückzuführen. Wenn man sich die von den Orthodoxen Kirchen getroffenen synodalen Entscheidungen genau ansieht, sind diese vorwiegend entweder kanonisch oder geschichtlich begründet. Was dabei zu wenig Beachtung findet, ist die konkrete Situation der Menschen und die zukünftige Entwicklung der Kirche: Die jetzige Situation, in der es in einem Land drei verschiedene orthodoxen Kirchen gibt, schwächt das Potenzial der Kirche vor Ort, aber auch eine neue Nationalkirche, die wiederum Nationalismus verbreitet, bringt auf pan-orthodoxer Ebene nichts. Ohne diese sehr komplexe Problematik der Autokephalie an sich behandeln zu wollen, möchte ich die folgende Frage aufgreifen: Könnte ein sozialethischer Ansatz, der von dem realen Zustand der Menschen ausgeht, zu einer Kompromisslösung führen, so dass die Einheit der Orthodoxie weiterhin gewährleistet ist? Vor allem dann, wenn es sich nicht um ein rein historisches oder kanonisches Problem handelt, wie der Fall der Ukraine zeigt.

Wird diese sozialethische Ebene weiterhin ausgeblendet und nicht in die offiziellen Verhandlungen einbezogen, besteht eine doppelte Gefahr: Einerseits lässt sich ein für die Orthodoxie katastrophaler Ausgang nicht vermeiden, der den Verlust der Einheit zugunsten nationalistischer Strömungen auf unbestimmte Zeit nach sich ziehen könnte; anderseits ist es wahrscheinlich, dass dieser inner-orthodoxe Konflikt als ein Grund für einen militärischen Konflikt zwischen der Ukraine und Russland instrumentalisiert wird.

Cezar Marksteiner-Ungureanu ist Universitätsassistent (Praedoc) am Institut für Systematische Theologie und Ethik (Schwerpunkt: Sozialethik) an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Bild: © der knopfdrücker.

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