Russland: Demonstranten finden Zuflucht in Moskauer Kirche

Während der Proteste in Moskau haben Demonstranten in einer Kirche Zuflucht vor der Polizei gefunden. Rund 100 Protestierende versteckten sich am 27. Juli in der zentral gelegenen Kosmas-und-Damian-Kirche vor den mit Gewalt gegen die Demonstration vorgehenden Sicherheitskräften. Die Geistlichen ließen die meist jungen Leute herein und beteten mit ihnen für den Frieden. Der Vorfall erregte die Aufmerksamkeit der russischen Medien, weil die Russische Orthodoxe Kirche Protesten meist ablehnend gegenübersteht. Tatsächlich ist die Kosmas-und-Damian-Kirche bekannt für ihre liberale Haltung.

Einer der Geistlichen, Mönchspriester Ioann (Guaita), erklärte gegenüber den Medien, die Demonstranten seien zufällig, aufgrund ihrer zentralen Lage in die Kirche gekommen. Er betonte, es würden „immer alle“ in die Kirche gelassen, sie sei immer offen. „Alle einzulassen, ist unsere Pflicht. Dazu sind wir ja eine Kirche. Deshalb haben wir heute nichts Besonderes und Außergewöhnliches getan.“ Als in der Gasse, in der die Kirche liegt, Sondereinheiten der Polizei auftauchten, hätten sich die Demonstranten spontan in die Kirche zurückgezogen. Einige hätten wohl Angst gehabt, andere hätten vielleicht eine Verhaftung befürchtet, die einen seien durch das Tor gekommen, andere über den Zaun geklettert. Aber das sei „alles für uns nicht so wichtig. Der Mensch kommt in die Kirche und hat immer ein Recht darauf, mit Liebe aufgenommen zu werden. Unabhängig von seinen politischen Ansichten.“

Nach einer Weile habe er die Anwesenden eingeladen, gemeinsam für den Frieden zu beten. Diese hätten sehr gern und mit großem Interesse am Gebet teilgenommen. Als sich die Situation auf der Straße beruhigt hatte, verließen die Demonstranten nach und nach die Kirche. Ioann findet, ein Geistlicher „muss in jeder beliebigen Situation immer und alle aufnehmen“. Er habe mit den jungen Leuten gesprochen und finde es sehr gut, dass es „eine so aktive Jugend gibt“. Seiner Meinung nach sei es gut, wenn ein „Mensch weiß, was er will, und bereit ist, für das einzustehen, was ihm wichtig ist“.

Anlass der Proteste war der Ausschluss praktisch aller Oppositionskandidaten für die Wahlen ins Moskauer Stadtparlament am 7. September. Am 27. Juli ging die Polizei mit Gewalt gegen die Protestierenden vor, rund 1000 Personen wurden verhaftet. Schon zuvor hatten die Sicherheitskräfte ihr Vorgehen verschärft, so war es zu Verhaftungen und Durchsuchungen von Wohnungen und Wahlkampfbüros von Oppositionellen gekommen. Bereits am 20. Juli hatten in Moskau über 20‘000 Personen gegen den Ausschluss der Oppositionskandidaten demonstriert, es waren die größten Demonstrationen seit den Protesten 2011/12 gegen die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen.

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