Ukraine: Metropolit Onufrij betont anlässlich der Taufe der Rus‘ politische Neutralität

Das Oberhaupt der Moskau unterstehenden Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK), Metropolit Onufrij (Beresovskij), hat die politische Neutralität seiner Kirche betont. In einem Interview mit dem ukrainischen Fernsehsender Inter erklärte er, die Kirche könne „keiner Partei dienen, sie ist nicht parteiisch“. Sonst wäre die Kirche ebenso eine politische Organisation wie eine Partei; die Kirche aber diene allen. Die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) hingegen bezeichnete er in einem anderen Interview als politische Organisation, die versuche, die Kirche zur Dienerin der Politik zu machen.

Schon in einem früheren Interview mit dem TV-Sender Ukraina am 17. Juli hatte der Metropolit betont, dass seine Kirche keine Bevorzugung oder Vorteile von den Behörden verlange. Sie fordere lediglich, dass das Recht funktioniere und alle vor dem Gesetz gleich seien. Die Gläubigen rief er auf, den neuen ukrainischen Präsidenten Volodymyr Selenskyj bei der Umsetzung seiner guten Absichten zu unterstützen.

Im Inter-Interview anlässlich des Feiertags der „Taufe der Rus‘“, die am 28. Juli gefeiert wird, sprach Onufrij über die mit dieser verbundenen historischen Ereignisse, die aktuelle Lage der Kirche und die Herausforderungen seines Dienstes. Dabei erklärte er, sein Gehorsam gelte der Kirche, dennoch habe er auch die Pflicht, in Kontakt mit anderen Menschen, auch Unternehmern und Politikern, zu stehen. Wichtig im Umgang mit diesen Menschen sei, die Reinheit seines Glaubens nicht zu verlieren.

Die Taufe der Rus‘ begeht die UOK jeweils am Vortag mit einer Prozession durch Kiew. Nach einem Bittgottesdienst auf dem Vladimir-Hügel zogen die Gläubigen zum Kiewer Höhlenkloster. Unterwegs wurde bei einem Gedenkkreuz für die bei den Unruhen auf dem Majdan 2014 Getöteten gebetet. Am Feiertag selbst fand ein Gottesdienst beim Höhlenkloster statt, im Anschluss daran wurden drei Märtyrer heiliggesprochen. Die UOK bezifferte die Zahl der Teilnehmer mit 300‘000, letztes Jahr sprach sie von über 200‘000 Teilnehmern, 2017 sollen es erst 100‘000 gewesen sein.

Die im Januar 2019 gegründete OKU beging den Feiertag ebenfalls mit einer Prozession. Nach einem Gottesdienst auf dem Platz vor der Kiewer Sophienkathedrale zogen die Gläubigen am 28. Juli unter der Leitung von Metropolit Epifanij (Dumenko) zum Denkmal des Großfürsten Vladimir auf dem Vladimir-Hügel. Im Zuge seines Konflikts mit der OKU organisierte Filaret (Denisenko), der langjährige Leiter des in der OKU aufgegangenen Kiewer Patriarchats, eine eigene Prozession, an der aber lediglich 300 Personen teilnahmen.

Die Teilnehmerzahlen der verschiedenen Prozessionen – bis letztes Jahr führten jeweils die UOK und die nicht kanonische Ukrainische Orthodoxe Kirche-Kiewer Patriarchat (UOK–KP) je eine Prozession durch – sind jeweils umstritten. Insbesondere die staatlichen Schätzungen zur Teilnehmerzahl der UOK-Prozession liegen jeweils deutlich tiefer als diejenigen der Organisatoren. So sprach die Polizei 2018 von rund 20‘000 Teilnehmern, die UOK jedoch von über 200‘000. Zugleich schätzte die Polizei, dass an der UOK–KP -Prozession mehr Gläubige (65‘000) teilgenommen hätten, was als Parteinahme gegenüber der UOK–KP interpretiert wurde. Nach dem diesjährigen Regierungswechsel scheint sich die Lage etwas entspannt zu haben: Die UOK beklagte keine Versuche der Behörden, ihre Prozession zu behindern. Die Teilnehmerzahl wurde vom Innenministerium zwar nur auf 30‘000 geschätzt, aber die Teilnehmerzahl der OKU-Prozession wurde noch tiefer, nämlich auf 15‘000, geschätzt. Während der frühere Präsident Petro Poroschenko 2018 an der Prozession der UOK-KP mitgelaufen war, rief Selenskyj die Oberhäupter der Kirche per Twitter zum Dialog auf, „damit der Glaube die Ukrainer eint und nicht spaltet“.

Die Informationsabteilung der UOK erklärte, die vielen Teilnehmer hätten ihre Treue zur kanonischen Kirche der Ukraine bezeugt. Niemand habe politische Slogans gerufen, die Menschen hätten gebetet. In diesem Sinn hatte Onufrij im Juli in einem Interview mit einer Kirchenzeitschrift erklärt, die schwierige Situation der UOK biete den Gläubigen die Möglichkeit, spirituell zu wachsen. Es sei eine Gelegenheit die „Liebe und Treue zu Gott zu zeigen“ und die „Liebe zum reinen orthodoxen Glauben“.

Der Feiertag erinnert an die Taufe des Großfürsten Vladimir/Volodymyr 988, mit der die Christianisierung der Kiewer Rus‘ begann. Der „Täufer der Rus‘“ wird deshalb als apostelgleicher Heiliger verehrt. Aus der Rus‘ entwickelten sich neben der Ukraine auch Russland und Belarus; in Russland gilt der 28. Juli ebenfalls als Feiertag. Der russische Patriarch Kirill hielt beim Denkmal für Großfürst Vladimir in Moskau einen Bittgottesdienst ab. Dabei betonte er, dass die Verbundenheit mit der eigenen Geschichte und den eigenen Ursprüngen wichtig für die Weiterentwicklung und Zukunft sei. Um „zu wachsen und sich zu entwickeln, muss man von den eigenen Quellen zehren, von den Quellen unserer ostslawischen Zivilisation, die den Russen, Ukrainern und Weißrussen gemeinsam ist“.

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