Ukraine: Konstantinopel nimmt ukrainische „Schismatiker“ in Kirchengemeinschaft auf

Die Hl. Synode des Ökumenischen Patriarchats hat am letzten Tag ihrer dreitägigen Sitzung weitreichende Entscheidungen in Bezug auf die Frage der ukrainischen Autokephalie getroffen. In ihrem Kommuniqué bestätigt die Kirchenleitung ihre Entscheidung, weiter auf die Verleihung der Autokephalie für die ukrainische Orthodoxie hinzuarbeiten. Zudem hat sie beschlossen, die bisher als schismatisch geltenden Oberhäupter der nicht-kanonischen Ukrainischen Orthodoxen Kirche–Kiewer Patriarchat (UOK–KP) und Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche (UAOK), Patriarch Filaret (Denisenko) und Metropolit Makarij (Maletitsch), wieder in ihre kanonischen Rechte einzusetzen. Die vom Moskauer Patriarchat verhängte Laisierung und Exkommunikation wurde aufgehoben, sie wurden wieder in ihren hierarchischen bzw. priesterlichen Rang eingesetzt und die kirchliche Gemeinschaft mit ihren Gläubigen wiederhergestellt.

 Außerdem widerrief die Hl. Synode das Abkommen von 1686, der den Patriarchen von Moskau das Recht gewährt hatte, die Metropoliten von Kiew einzusetzen. Abschließend appellierte die Hl. Synode an „alle beteiligten Seiten“, die „Inbesitznahme von Kirchen, Klöstern und anderem Eigentum sowie alle anderen Akte der Gewalt und Vergeltung“ zu vermeiden.

In der Ukraine wurde das Statement des Ökumenischen Patriarchats mit Freude aufgenommen. Patriarch Filaret von der UOK–KP sprach von einem „epochalen Sieg“ über Moskau und dankte dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios für „seinen Mut und seine Opposition gegen die Intrigen Moskaus“. Bereits „demnächst“ werde eine Bischofsversammlung einberufen werden, an der die Bischöfe der UOK–KP und der UAOK teilnehmen sollen, aber auch Bischöfe der Ukrainischen Orthodoxen Kirche–Moskauer Patriarchat (UOK–MP), die sich an der neuen Kirche beteiligen wollen. Bei dieser Bischofsversammlung solle auch die Wahl eines Patriarchen für die neue Kirche erfolgen. Erst ein solcher Patriarch könnte der Empfänger des vieldiskutierten Tomos sein, in dem der Ökumenische Patriarch die Autokephalie der neuen Kirche proklamiert.

Der Mufti der Geistlichen Verwaltung der Muslime der Ukraine, Said Ismagilov, gratulierte den orthodoxen Ukrainern und sprach von der „Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit“. Die ukrainischen Muslime würden sich nicht in die Angelegenheiten anderer Religionsgemeinschaften einmischen, begrüßten aber alle wichtigen Ereignisse, die die Staatlichkeit, Unabhängigkeit und Einheit der Ukraine stärkten, erklärte der Mufti.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bezeichnete die Frage der Autokephalie als „weiteren Akt der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine“. Die Autokephalie übersteige das kirchliche Leben, sie sei eine Frage der Unabhängigkeit, nationalen Sicherheit und Staatlichkeit. Zudem sei sie ein „Teil unserer proeuropäischen und proukrainischen Staatsstrategie, die wir in den letzten vier Jahren umgesetzt haben“. Und er fügt hinzu: „Das ist der Fall des dritten Roms, des ältesten konzeptionellen Anspruchs Moskaus auf die Weltherrschaft.“ Bereits tags zuvor hatte der Pressedienst des Präsidenten verkündet, dass die ukrainische Regierung die Einhaltung der Religionsfreiheit garantiere. Es werde auch künftig keine Staatskirche geben und niemand müsse der autokephalen Kirche beitreten. Allerdings garantiere sie auch dafür, dass die Rechte derjenigen Geistlichen und Gläubigen der UOK–MP, die das Moskauer Patriarchat verlassen wollten, ebenfalls geschützt würden. Der ukrainische Außenminister Pavel Klimkin bezeichnete den Entscheid als „echte geistliche Demokratie“, da damit alle orthodoxen Christen der Ukraine wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen würden.

Patriarch Bartholomaios hatte zuvor an der 50-Jahr-Feier der Orthodoxen Akademie von Kreta die Rolle des Ökumenischen Patriarchats hervorgehoben, die er in der Koordination der Gesamtorthodoxie sieht. Ohne das Ökumenische Patriarchat würde die Orthodoxie zu einem losen Bund von Kirchen, die anderen Kirchen würden „wie Schafe ohne Hirten“ sein. Es sei die Aufgabe des Patriarchats von Konstantinopel, über die Einhaltung der kirchlichen und kanonischen Ordnung zu wachen. Ganz anders sieht das die Russische Orthodoxe Kirche. Der Vorsitzende der Synodalabteilung für die Zusammenarbeit der Kirche mit der Gesellschaft und den Medien, Vladimir Legojda, bezeichnete die Entscheidung Konstantinopels als „präzedenzlose antikanonische Handlung, die ein Versuch zur Zerstörung der Grundlagen der orthodoxen kanonischen Ordnung ist“.


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