Polen: Katholische Bischöfe warnen vor Antisemitismus

An ihrer Vollversammlung Mitte März haben sich die Bischöfe der katholischen Kirche Polens für eine Vertiefung des polnisch-jüdischen Dialogs ausgesprochen. Sie erklärten, dass „alle Formen von Antisemitismus den Prinzipien der christlichen Nächstenliebe widersprechen“. Dabei beriefen sie sich auf die Worte von Papst Johannes Paul II., der am 9. Juni 1991 in Warschau von der mühseligen Arbeit aller Völker der christlichen Zivilisation gesprochen hatte, „jede Art ungerechter Vorurteile gegenüber Juden und andere Ausdrucksformen des Antisemitismus in ihrer Mentalität an den Wurzeln auszureißen“. Gleichzeitig erinnerten die Bischöfe an die „heroische Haltung von Polen, die ihr Leben riskierten und verfolgten Juden während des Zweiten Weltkriegs halfen“.

Der Warschauer Oberrabiner Michael Schudrich und der Präsident des Jüdischen Gemeindebundes in Polen, Lesław Piszewski, dankten dem Vorsitzenden der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanisław Gądecki von Poznań, in einem öffentlichen Brief für die klare Verurteilung des Antisemitismus: „Ungeduldig warten wir auf weitere Vertiefung unserer Freundschaft und gemeinsamen Achtung für alle Kinder Gottes in ganz Polen. [...] Wir sind überzeugt, dass auch die Bischöfe verstehen, wie wichtig die Bekämpfung jedweden Antisemitismus ist, sogar dann, wenn dies im Klerus vorkommt und eine ungewöhnlich schwierige Angelegenheit ist.“ Die Rabbiner würden sich ihrerseits auch gegen „antipolnische Vorwürfe unter Juden“ aussprechen.

Bereits am 16. Februar hatten mehr als 20 jüdische Organisationen anlässlich des 50. Jahrestags der Vertreibung polnischer Juden im März 1968 und des 75. Jahrestags des Aufstandes im Warschauer Ghetto im April 1943 einen gemeinsamen Appell unterzeichnet, in dem sie die Regierung aufforderten, entschlossener gegen Antisemitismus vorzugehen: „Die polnischen Juden fühlen sich heute in Polen nicht sicher.“ Zwar werde der Antisemitismus vom Präsident, dem Premierminister und dem Vorsitzenden der Regierungspartei mit Worten verurteilt und Juden werde aktuell keine körperliche Gewalt angetan, doch könne man die Lage nicht als normal bezeichnen: Hassparolen würden nicht mehr nur im Internet verbreitet, sondern auch von Medien, Abgeordneten und hohen Staatsbeamten. Das Klima der Intoleranz, der Xenophobie und des Antisemitismus betreffe dabei nicht einmal die Juden am meisten, sondern auch Roma, Muslime, Flüchtlinge, Schwarze, Ukrainer, ethnische, religiöse, sexuelle und andere Minderheiten. Die derzeitige Welle des Antisemitismus sei eine Folge des umstrittenen Holocaust-Gesetzes, das es unter Strafe stellt, Polens Staat und Nation mit Verbrechen der deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg in Verbindung zu bringen. Das Gesetz sei schlecht geschrieben und schade der freien Diskussion über die Geschichte.

In einem TV-Interview kritisierte auch der in der Bischofskonferenz für den Dialog mit dem Judentum verantwortliche Warschauer Weihbischof Rafał Markowski das Holocaust-Gesetz, das auf ein großes gesellschaftliches Echo stoße und im Voraus zu wenig öffentlich diskutiert worden sei. Als erster katholischer Bischof hatte sich Markowski im Namen aller Bischöfe im Juli 2017 zum 76. Jahrestag des Pogroms in Jedwabne, wo am 10. Juli 1941 351 Juden von ihren polnischen Nachbarn ermordet wurden, öffentlich entschuldigt.

Das seit dem 1. März geltende Holocaust-Gesetz der polnischen Regierung sieht bis zu drei Jahre Haft für Personen vor, die Polens Staat und Nation eine Mitverantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg zuschreiben. Das Gesetz nimmt die Geschichtswissenschaften explizit von den Strafbestimmungen aus. Anlass dafür sind Aussagen über „polnische Todeslager“ in ausländischen Medien. Am 6. März hat das polnische Parlament zudem ein Gesetz verabschiedet, das den 24. März zum nationalen Gedenktag für Polen erklärt, die während des Holocausts Juden gerettet haben. Der polnische Präsident Andrzej Duda, der das Gesetz initiiert hat, muss das Gesetz zu seinem Inkrafttreten noch unterzeichnen. Am 24. März 1944 wurde eine polnische Familie im Dorf Markowa von den Nationalsozialisten hingerichtet, nachdem bekannt wurde, dass sie Juden in ihrem Haus versteckt hielten. Polen machen mit 6706 Namen ein Viertel der von der Gedenkstätte Yad Yashem in Jerusalem ausgezeichneten „Gerechten unter den Völkern“ aus. Gegner des Gesetzes kritisierten, das Gesetz diene zusammen mit weiteren Vorstößen der letzten Zeit politischen und ideologischen Zwecken, darunter der Verdunklung der Beteiligung von Polen an Naziverbrechen. Die Rolle von Polen bei der Rettung von Juden werde übertrieben dargestellt.

Am 8. März hat sich Präsident Duda für die Vertreibung von etwa 20000 Juden aus dem Land im Jahr 1968 entschuldigt. Als Reaktion auf Studentenproteste gegen den Polizeistaat hatte die kommunistische Führung 1968 Tausenden Polen jüdischer Abstammung den Pass abgenommen und ihnen Papiere überreicht, die nur zur Ausreise berechtigten. Sie wurden als „staatsfremde Zionisten“ diffamiert und beschuldigt, für die Proteste gegen das Regime verantwortlich zu sein. Er neige sein Haupt vor den Opfern der antisemitischen Hetzkampagne des damaligen kommunistischen Regimes, sagte Duda in Warschau bei einer Gedenkveranstaltung im Beisein von Vertretern der jüdischen Gemeinde: „Denen, die vertrieben wurden, und den Familien derer, die gestorben sind, möchte ich sagen: Bitte, verzeihen Sie, bitte verzeihen Sie der Republik“, fügte er hinzu. Duda bat auch um Vergebung für jene Polen, die die damalige „Schandtat“ begangen hätten. (Mit Material von KNA)