Bulgarien: Kirchliche Debatte um Position zur Ukraine

Der neue ukrainische Botschafter Vitalij Moskalenko hat mit Patriarch Neofit die kirchliche Situation in der Ukraine besprochen. Bei ihrem Treffen am 28. Februar informierte der Botschafter das Oberhaupt der Bulgarischen Orthodoxen Kirche (BOK) über die Lage der bulgarischen Minderheit in der Ukraine und äußerte den Wunsch seiner Regierung, künftig neue bulgarische Schulen zu eröffnen. Mit Blick auf die ukrainische Kirchenfrage verwies der Patriarch auf die vom Hl. Synod der BOK im Oktober 2018 ins Leben gerufene Kommission, die sich mit dieser Frage befassen soll. Dessen Vorsitzender, Metropolit Kiprian (Dobrinov), ergänzte, dass die Kommission zuerst die betreffenden Dokumente untersuchen und dann dem Hl. Synod eine Stellungnahme zur Diskussion vorlegen werde. Er hoffe, dass man eine Lösung finde, die nicht zu einer Spaltung führt.

Am 5. März empfing Patriarch Neofit auch den russischen Ministerpräsidenten Dmitrij Medvedev. In der sehr kurz gefassten Meldung des Patriarchats über dieses Treffen heißt es, dass beide Seiten die guten Beziehungen zwischen den beiden Kirchen würdigten und dass „Fragen aus dem kirchlichen Leben beider Länder“ erörtert wurden.

Diese diplomatische Haltung folgt dem Kurs des Hl. Synods, der sich von Anfang an mit Äußerungen zu dieser Frage zurückgehalten hat und offensichtlich abwarten will, bis Konstantinopel und Moskau eine einvernehmliche Lösung finden. In dieser Hinsicht fällt auf, dass die bulgarische Kirchenleitung vorerst nicht einmal die Initiative Moskaus für eine konziliare Lösung unter der Beteiligung aller orthodoxen Kirchen unterstützt. Als der Hl. Synod am 4. Oktober 2018 den Brief des Moskauer Patriarchen besprach, schlug Metropolit Gavriil (Dinev) von Loveč vor, dass die BOK sich für ein panorthodoxes Konzil zur Frage der ukrainischen Autokephalie aussprechen solle, was aber mit großer Mehrheit abgelehnt wurde. Daraufhin veröffentlichten am 9. Oktober die Metropoliten Gavriil, Joan (Ivanov) von Varna und Daniil (Nikolov) von Vidin eine Erklärung mit der Forderung nach einem panorthodoxen Konzil. Dieser Schritt offenbart, wie stark das ukrainische Thema die Mitglieder des Hl. Synods bewegt, denn es ist ungewöhnlich, dass einzelne von ihnen sich an die Öffentlichkeit wenden und somit interne Unstimmigkeiten ans Licht bringen.

Das Thema polarisiert auch die bulgarischen Gläubigen. In öffentlichen Foren beschäftigten sie sich mit der ukrainischen Frage viel intensiver als z. B. mit den gleichzeitig laufenden Debatten über das umstrittene neue Religionsgesetz. Der Grund dafür ist die schmerzliche Erfahrung der Bulgaren mit dem Ökumenischen Patriarchat im 19. Jahrhundert, als die Bestrebungen für eine eigenständige Kirche zu einem bis 1945 dauernden Schisma führten. In diesen schwierigen Zeiten erfuhr die BOK Unterstützung durch die Russische Orthodoxe Kirche, auch wenn diese sie offiziell als schismatisch wertete. Dazu kommen noch die frischen Erinnerungen an die Spaltung innerhalb der BOK in den 1990er Jahren. Andererseits hat man aber auch sehr großes Verständnis für das Anliegen der ukrainischen Gläubigen, die eine von Moskau unabhängige Kirche wollen. In den Diskussionen der bulgarischen Christen mischen sich Erwägungen aus ekklesiologischer, politischer und historischer Sicht. Dabei werden oft Parallelen zum Problem der Kirche in Nord-Makedonien gezogen.

Vladislav Atanassov

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